Viele Menschen wünschen sich Wände, die nicht nur gut aussehen, sondern auch zum Wohlbefinden beitragen. Kalkputz und Lehmputz stehen dabei hoch im Kurs: Sie gelten als natürlich, diffusionsoffen und gut für das Raumklima. Was davon stimmt, wo die beiden Putze sich unterscheiden und was bei der Verarbeitung zu beachten ist, erklären wir hier aus der Praxis unseres Malerfachbetriebs Ott & Masuch aus Essen, mit dem wir im Verbund arbeiten.
Was „gutes Raumklima“ bei Putzen bedeutet
Wenn von Raumklima die Rede ist, geht es bei Wandoberflächen vor allem um Feuchtigkeit. Beim Kochen, Duschen, Wäschetrocknen und durch die Atmung entsteht in Wohnräumen laufend Wasserdampf. Mineralische Putze können einen Teil dieser Feuchtigkeit in ihren Poren aufnehmen und später wieder abgeben. Fachleute sprechen von Sorption oder Feuchtepufferung. Kurzzeitige Feuchtespitzen werden so abgemildert.
Wichtig ist die richtige Erwartung: Ein Putz ersetzt kein Lüften und keine Lüftungsanlage. Er puffert Spitzen ab, die Feuchtigkeit muss aber trotzdem irgendwann aus dem Raum. Und er funktioniert nur, wenn die Oberfläche offen bleibt, also nicht mit einer dichten Farbe oder Tapete verschlossen wird.
Kalkputz: robust und alkalisch
Kalkputz wird seit Jahrhunderten verwendet. Er härtet aus, indem der Kalk Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt. Seine wichtigsten Eigenschaften:
- Hoher pH-Wert: Die Alkalität erschwert Schimmelbewuchs auf der Oberfläche.
- Feuchtebeständigkeit: Kalkputz verträgt Feuchtigkeit besser als Lehm und eignet sich deshalb auch für Küchen, Bäder außerhalb des Spritzwasserbereichs und Kellerräume ohne Feuchteschaden.
- Optik: Von glatt bis rau, als Feinputz oder in edlen Spachteltechniken. Viele hochwertige Wandgestaltungen basieren auf Kalk.
Lehmputz: guter Feuchtepuffer mit warmer Optik
Lehmputz trocknet rein physikalisch, er bindet nicht chemisch ab. Das hat Vor- und Nachteile:
- Feuchtepufferung: Lehm gilt als besonders aufnahmefähig für Wasserdampf und gibt ihn langsam wieder ab.
- Reparierbarkeit: Weil Lehm mit Wasser wieder anlösbar ist, lassen sich Schäden gut ausbessern.
- Optik: Warme, erdige Farbtöne und eine matte, lebendige Oberfläche.
- Empfindlichkeit: Lehm ist nicht wasserbeständig und mechanisch weicher als Kalk. In den Spritzwasserbereich gehört er nicht, und stark beanspruchte Flächen wie Flure mit Kinderwagen leiden schneller.
Wo sich welcher Putz eignet
| Raum | Kalkputz | Lehmputz |
|---|---|---|
| Wohn- und Schlafräume | gut geeignet | sehr gut geeignet |
| Küche | gut geeignet | geeignet, nicht hinter dem Herd |
| Bad (außerhalb Spritzwasser) | gut geeignet | geeignet mit Einschränkungen |
| Spritzwasserbereich | nicht ohne Abdichtung und geeigneten Belag | nicht geeignet |
| Stark beanspruchte Flure | geeignet | eingeschränkt |
Untergrund und Aufbau
Nicht jede Wand ist sofort bereit für einen Naturputz. Auf massiven, saugfähigen Untergründen wie Ziegel oder altem Kalkputz haften Kalk- und Lehmputze in der Regel gut. Auf Gipskartonplatten, Beton oder alten Dispersionsanstrichen braucht es eine passende Grundierung oder Haftbrücke nach Herstellerangabe. Alte, dichte Anstriche sollten wenn möglich entfernt werden, sonst ist die Feuchtepufferung von der Wand dahinter abgeschnitten.
Für die Sanierung bestehender Wände gibt es dünnlagige Kalk- und Lehmfeinputze, die auf einen vorbereiteten Untergrund aufgetragen werden. Für eine spürbare Wirkung auf das Raumklima sind dickere Schichten günstiger, das ist aber vor allem bei Neubau oder Komplettsanierung realistisch.
Verarbeitung: Handwerk mit Geduld
Kalk- und Lehmputze verzeihen weniger als ein fertig angerührter Dispersionsputz. Die Schichten werden in mehreren Arbeitsgängen aufgetragen, und jede Lage braucht ihre Standzeit, bevor die nächste folgt. Kalkputz muss dabei kontrolliert aushärten: Zu schnelles Austrocknen, etwa durch Zugluft oder starke Heizung, führt zu Rissen und mürben Oberflächen. Lehmputz trocknet je nach Schichtdicke und Raumklima langsam durch und sollte bis dahin nicht gestrichen oder belastet werden.
Auch die Optik ist Handwerk. Ob die Oberfläche glatt, fein abgerieben oder lebendig strukturiert wirkt, entscheidet sich mit Kelle und Reibebrett. Deshalb lohnt es sich, vorab eine Musterfläche anlegen zu lassen. Sie zeigt Farbton, Struktur und Wirkung im eigenen Licht, bevor die ganze Wand fertig ist.
Der richtige Anstrich
Der häufigste Fehler: ein hochwertiger Naturputz, der anschließend mit Dispersionsfarbe gestrichen wird. Die Farbe bildet einen Film und schränkt die Feuchteaufnahme deutlich ein. Passender sind Kalkfarbe auf Kalkputz und Lehmfarbe oder andere diffusionsoffene Farben auf Lehmputz. Viele Putze bleiben auch ganz ohne Anstrich, wenn die Oberfläche fein abgerieben oder geglättet wird. Dasselbe gilt für spätere Renovierungen: Wer in einigen Jahren neu streicht, sollte wieder ein passendes System wählen, damit die Wand ihre Eigenschaften behält.
Was Kalk- und Lehmputz kosten
Naturputze sind aufwendiger als ein einfacher Anstrich, weil mehr Arbeitsgänge und mehr Handwerk nötig sind. Als grober Richtwert bewegen sich dünnlagige Feinputze auf vorbereitetem Untergrund im zweistelligen Eurobereich pro Quadratmeter Wandfläche, mehrlagige Aufbauten und gestalterische Techniken entsprechend darüber. Entscheidend sind Untergrund, Schichtdicke und Oberfläche. Wie Malerpreise allgemein zustande kommen, erklärt der Artikel Wände streichen lassen.
Fazit
Kalk- und Lehmputz sind keine Wundermittel, aber gute Baustoffe für Wände, die atmen dürfen. Kalk ist robust und vielseitig, Lehm ein besonders guter Feuchtepuffer mit warmer Optik. Entscheidend sind ein geeigneter Untergrund und ein diffusionsoffener Anstrich, sonst verpufft der Vorteil. Wer Naturputze mit Spachteltechniken kombinieren möchte, findet bei unseren Malerarbeiten die passende Beratung.